Mein erster österreichischer Film
Mein erster österreichischer Film – ein Nachruf
Mein erster und letzter Versuch, einen österreichischen
Film zu drehen, scheiterte bereits an der Wahl des Kameramanns meines
Vertrauens, ein anerkannter tschechischer Flüchtling.
Der damals angeheuerte
Produktionsleiter, der mir eine förderungswürdige Kalkulation erstellte, empfahl
mir durch die Blume eine Umbesetzung, was ich empört ablehnte – nicht ahnend,
dass ich mit zwei Ausländern im Stab, der eine war ich selber, keine Chance für
eine Förderung nach dem österreichischen Filmförderungsgesetz hatte.
Ich hatte
39 Sprechrollen zu besetzen. Dafür war George Taboris Kreis zu klein. Also
heuerte ich auch Schauspielkollegen aus Deutschland und Frankreich an.
Für alle
hätte ich einen Staatsbürgerschaftsnachweis vorlegen müssen. Die damals
konsultierten Filmproduzenten Heiduschka und Pochlatko winkten ab.
Dieter
Pochlatko riet mir sogar, es selbst zu versuchen, in Wien für das Projekt Geld
aufzutreiben. Ansprechpartner war ein sehr bemühter Dr. Timmermann, dessen
kleines Kammerl im Hinterhof des Unterrichtsministeriums mir bereits unheiliges
signalisierte.
Theoretisch wäre eine internationale Koproduktion möglich
gewesen. Aber das Sujet, die Umwandlung einer blühenden Landschaft in den
größten Truppenübungsplatz auf europäischem Boden, die etwa 32.000 Menschen zu
Flüchtlingen im eigenen Land werden ließ, hätte über Österreich hinaus kaum
Interesse gefunden.
Das mit Fritz Brezina verfasste Drehbuch hat leider nur dazu
geführt, dass ein arrivierter Regiekollege seine eigenen Ambitionen
zurückstellte und uns weiterempfahl.
Danny Krausz, nun selber Produzent, war der
einzige, der mit dem gescheiterten Projekt Geld verdiente. Er hat damals die
Kalkulation erstellt und ist dafür von mir bezahlt worden.
Jiri Volbracht, mein
Kameramann, hat erst den schönsten Film über Österreich gedreht, dazugelernt und
sich um die österreichische Staatsbürgerschaft beworben. Er lebt und arbeitet
jetzt als Österreicher in Deutschland.
Ich prangerte in der Folge noch eine
Zeitlang in Österreichs einziger seriösen Filmzeitschrift blimp das an das
Chicago der 30er Jahre gemahnende Closed-Shop-System der österreichischen
Filmwirtschaft an, bis ich die Lust verlor, an den versifften Verhältnissen
etwas zu ändern. Den aktuellen Querellen haftet der alte Geruch an. Was soll’s?
Seit ich mich nicht mehr darum kümmere, mache ich einen Film nach dem anderen.
2004 habe ich in Berlin eine DVD auf der Weltkonferenz für kulturelles Erbe und
digitale Medien präsentiert. Die Diagonale hat mir nicht einmal eine
Eingangsbestätigung geschickt.
Was lernen wir daraus? Die österreichische
Filmwirtschaft war und ist eine einzige Schlamperei – selbstverliebt und
input-resistent.
Nur der Neid, wird vielleicht einer aufheulen. In der Tat ist
mir die Novellierung des österreichischen Filmförderungsgesetzes nicht gelungen,
dafür zweimal die der österreichischen Straßenverkehrsordnung (als
Kinderbeauftragter der Stadt Graz). Ich habe mir auch kein Filmdenkmal gesetzt,
sondern erfreue mich an einem von mir und anderen Fachkräften konzipierten
Museum für Kinder in Graz, das als dort bestbesuchte kulturelle Einrichtung
Besucherzahlen vorlegen kann, von denen Kinobetreiber träumen. Mit den
Streithanseln und Habenichtsen, sage ich mal als diplomierter Regisseur und (!)
diplomierter Volkswirt, ist der österreichische Film auch mit Geld nicht zu
retten. Was ich vorschlage, ist brutal: Sofort das österreichische
Filmförderungsgesetz außer Kraft setzen, das Geld vom ORF kassieren und mit
allen zur Verfügung stehenden Geldern eine Stiftung gründen, deren
Entscheidungsträgerinnen das Geld nach Eingang und Prüfung der eingereichten
Projekte nach einfachen Kriterien der Reihe nach vergeben.
Im Stiftungsrat einen
Intendanten oder eine Handvoll Kuratoren, die etwas vom Film verstehen, kann ich
mir gut vorstellen, sicher nicht die Armutschkerln der heimischen Filmbranche,
die wieder nur ihr Schäfchen ins Trockene bringen wollen.
Ihnen kann ich nur
raten, mehr Respekt für die kreativen Kräfte in ihrer Branche zu entwickeln.
Dass es die auch außerhalb gibt, wird ihnen irgendwann auch einmal auffallen.
Dass die österreichischen Filmproduzenten geschlossen ihren Abgang inszenierten,
ehrt sie. Wir brauchen Euch nicht mehr nachzurufen finde ich aber voreilig. Wir
können uns zwar heute für 300 Euro bei Saturn um die Ecke einen DV-Camcorder
kaufen, der fast alle Stückerln spielt, mit dem sich um 20 Euro mehr zwei
Stunden Film kreieren lässt, und dessen auf jedem PC lustvoll
zusammengeschusterte Resultate sich verlustfrei in die größten Kinosäle beamen
lassen.
Das Gerät, das ich für die Schule kaufte, wo ich gelegentlich Theater
und Medien unterrichtete, filmt sogar im vollständigen Dunkeln.
Aber Film
herzustellen bedeutet mehr, wie wir wissen, guten Stoff, erstmal guten Stoff und
dann kleinliche Organisation, 39 Sprechrollen besetzen und zuletzt Vertrieb,
wofür man als Gockel die Events von Cannes bis Visselhövede zu besetzen hat.
Für
mich markiert Eichingers Der Untergang das Ende der Produzentenherrschaft im
Film, hatte ich doch in einem kleinen feinen Stück zu Hitlers Geburtstag die
Fragen beantwortet, die im pompösen Film wortreich umgangen wurden.
Was wäre
gewesen, wenn… Österreichs Filmproduzenten verließen ihren eigenen Verband, das
ehrt sie wirklich, haben sie doch endlich ein Einsehen, dass es auch ohne sie
geht. Das schöne Bild hat einen kleinen Fehler. Sie haben derweil in allen
Honigtöpfen ihre Finger drin.
Hans Fraeulin,
Graz, am 9.4.06

